You can’t see what I feel – Das Übersetzungsprojekt

Mein Buch „Schmerz frisst Seele“ ist nun vor fast drei Jahren erschienen. Drei Jahre in denen mir zum Glück immer wieder Betroffene erzählt haben, das ihnen das Buch eine Hilfe war. Da jedoch bislang nur deutschsprachige Betroffene davon profitieren können, habe ich den Entschluss gefasst das Buch ins Englische übersetzen zu lassen.

Für die Finanzierung habe ich ein Kickstarter-Projekt gestartet:

https://www.kickstarter.com/projects/1967970154/you-cant-see-what-i-feel-translation-german-englis

Sobald die benötigte Summe zusammen ist, wird das Buch von einem professionellen Übersetzer ins Englische überführt und wird dann als eBook auf Amazon weltweit verfügbar sein.

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Botox ins SPG

Wenne mich so fragst – Noch ne Therapie macht das jetzt auch nicht einfacher.

Aber das ist ja noch gar keine, sondern nur eine Studie mit gerade 10 Patienten, die von Ende 2013 bis Mitte 2014 in Norwegen durchgeführt wurde. Die Ergebnisse wurden gerade in der aktuellen Ausgabe der Cephalagia veröffentlicht.
http://cep.sagepub.com/content/36/6/503.long

Es geht um eine Blockade des Ganglion sphenopalatinum (SPG) mit einer Injektion von Botulinumtoxin A, im Volksmund als Botox bekannt.
Der Ansatz ist eigentlich simpel. Das Ganglion sphenopalatinum (SPG) ist ein hinter der Nasenwurzel tief im Gesicht befindlicher Nervenknoten, der zum autonomen Nervensystem gehört und dem eine zentrale Rolle in der Schmerzweiterleitung beim Clusterkopfschmerz zugeschrieben wird. Botulinumtoxin A ist ein Gift, mit dem man diesen Nervenknoten lahmlegen will. Mehr oder weniger analog zu dem unter dem Namen „Pulsante“ vermarkteten Stimulation des SPG per Implantat (http://www.ati-spg.com/europe/de/). Die Durchführung ist dann schon nicht mehr so trivial, denn um die richtige Stelle zu finden ist eine Lokalisierung per CT und MRT notwendig. Dazu finden sich in dem Artikel zu der Beschreibung der Durchführung die Worte „general anaesthesia“. Die Injektion wird also unter Vollnarkose vorgenommen.
Das Ergebnis macht so viel Hoffnung wie andere und ist auch ebenso erschreckend. Erschreckend bis skandalös finde ich die Tatsache, das bei 10 Patienten von dreien die Daten nicht ausgewertet werden konnten, da diese keine entsprechenden zurückmeldeten. Was stimmt mit diesen Menschen nicht? Bei den verbleibenden 7 haben einige eine signifikante Besserung erfahren, mache davon sogar über einen eigentlich zu langen Zeitraum.
Für den Clusterkopfschmerz gibt es leider und Gott sei Dank eine Vielzahl von unterschiedlichsten Therapiemöglichkeiten, was für die Ärzte, aber auch den Betroffenen eine echte Herausforderung darstellt. Denn derzeit kann niemand vorhersagen, welche Option die für den jeweiligen Patienten die richtige/beste/wirksamste ist. Das kann bedeuten, das man mitunter Jahre nach der bestmöglichen Therapie sucht.

Ein Blick zu den Nachbarn – Welchen Sinn hat Migräne?

Diesen Titel trägt ein Eintrag in dem sehr lesenswerten Blog von Markus Dahlem.

http://www.scilogs.de/hirnnetze/eine-frage-markus-dahlem/

Da mich die gleiche Frage auch schon ein Weile beschäftigt, will ich hier meine Sicht der Dinge zum besten geben.

Die Migräne hat keinen Sinn – Sie ist eine Nebenwirkung.

Manche Menschen werden in der Sonne rot, andere braun. Wie sich das für den einzelnen verhält ist uns mitgegeben. Die Gene seien das, sagt man.
Hilft nix, es ist wie es ist und es bleibt wie es war. Wer Sommersprossen hat, trägt besser einen Hut. Wie viel ich von Pigmentierung und Hautschichten weiss, ändert daran gar nichts. Ich habe eine bestimmte Disposition, die gehört zu mir und meinem Körper und danach habe ich mich zu richten. So ein Sonnenbrand ist nun eine wunderbar einfache Sache, die jedermann ziemlich schnell mit der Ursache in Verbindung bringen kann. In Folge ist es für den Betroffenen einfach sich dementsprechend zu verhalten. Da es zwischen den Extremen viele Graustufen gibt, reicht es dem einen sich einzucremen. Andere tragen wirklich Hut und lange Ärmel oder gehen bei Sonne gar nicht vor die Tür.
Bei einer Migräne sind die Zusammenhänge zwischen Ursache und Auswirkung oftmals leider weder eindeutig noch so unmittelbar zuzuordnen.
Die Migräne ist aber nicht einfach so eine Nebenwirkung. Sie ist gewissermaßen der Preis für eine Fähigkeit.
Auch wenn durchaus kontrovers darüber diskutiert wird, bin ich mir nach rund zwei Jahrzehnten entsprechender Beobachtungen ziemlich sicher, dass es so etwas wie eine Migränepersönlichkeit gibt. Migräniker sind tendenziell gewissenhaft, pflichtbewusst und aufopfernd. Wir lassen nichts liegen und machen sogar noch die Arbeit von anderen fertig. Migräniker sind dazu wahrnehmend. Kriegen auch im Augenwinkel noch alles mit. Hören noch gesprochene Sätze am Nebentisch. In Menschenmengen, oder nur im Supermarkt laufen andere Menschen schon mal an dir vorbei, weil sie quasi mit Scheuklappen durch die Welt gehen. Ein Migräniker sieht sich immer zuerst. Dank dieser fehlenden Scheuklappen steht das Migränehirn im Trommelfeuer der Reize aus seiner Umgebung und schwenkt bei Überlastung die weisse Fahne und schaltet sich ab. Schmerz, Rückzug, Pause!

Wieso ist das jetzt eine Fähigkeit?

Für mein Verständnis was es eine, die früher einmal viel nützlicher war. Spätestens seit Erfindung der blinkenden Neonreklame ist das jedoch vorbei. Der Mensch hat sich durch Spezialisierung vom Rest der Fauna distanziert. Während einer mit dem Speer gezielt hat, musste ein anderer aufpassen, das nichts aus dem Busch gesprungen kommt. Es brauchte solche Wahrnehmenden in der Gruppe, damit selbige bessere Überlebenschancen hatte.
Ja, das ist lange her. Aber mit Milchprodukten kommen heute auch nicht alle Menschen gleich gut klar. Das ist ebenfalls ein sehr altes Erbe.
Ich weiss nicht ob ich Recht habe. Wirklich wissen wird man das wahrscheinlich nie können. Dazu müsste man etwas wissenschaftlich untersuchen, was sich nicht mehr untersuchen lässt. Keine Ahnung wie viele Ötzis man dafür noch auftauen müsste. Aber für mich ist dieses Model in sich stimmig und erklärt mir zumindest den Migräneteil meines Kopfes.

Und was ist mit dem Cluster?

Ich habe schon im Buch dargestellt, das die Migräne für mich daherkommt wie eine eifersüchtige Frau, die dich nur für Sich haben will. Ich weiss leider nicht wie ich das Bild für die überwiegend betroffenen Frauen tran­skri­bie­ren soll, sorry. Für mich fühlt sich das ganze am Ehesten so an. Ich finde nicht gut, was da passiert, aber ich kann doch meist nachvollziehen wieso es gerade passiert. Der Clusterkopfschmerz ist von deutlich willkürlicherer Natur. Er ist eine wilde Bestie, die eher planlos alles gegen die Wand wirft, was sich ihr in den Weg stellt. Es ist tatsächlich so, das ich hier keine Idee und kein Model habe. Er ist einfach da und es macht den Umgang mit ihm aufgrund seiner Unberechenbarkeit ein gutes Stück komplizierter.

Die Migräne ist für mich ganz klar der Preis für etwas, das ich besser kann als viele andere Menschen. Für den Clusterkopfschmerz habe ich eine solche „Erklärung“ leider bis heute nich gefunden. Der ist tatsächlich einfach da und nervt. Was aber nicht bedeutet, dass man nicht auch dem Umgang mit ihm lernen kann.

Genesungswünsche

In einem Kapitel des Buches habe ich mich schon ausführlich mit der Frage nach dem Befinden auseinandergesetzt. Dabei habe ich festgehalten, das mir die floskelhafte Verwendung der Frage „Wie geht es dir?“ ganz und gar nicht gefällt.
Es gibt noch etwas, das wahrscheinlich gar nicht ganz so floskelhaft verwendet wird, mit dem ich aber trotzdem immer wieder Probleme habe.
Und das sind Genesungswünsche. Gute Besserung – so sagt man da wohl meistens. Und das ist – ob so gemeint oder nicht – bei einer Erkältung oder ähnlichem ganz in Ordnung. Dabei ist es hier sogar egal, ob es von Herzen kommt oder nicht.
Aber sage ich das so auch einem Krebskranken? Einem Dialysepatienten? Oder einem Menschen der an Demenz leidet?
Es kommt mir nicht wirklich angemessen vor.
Nun ist es so, das man von kaum jemanden so viel lernen kann, wie von anderen Patienten. Je schwerer die Beeinträchtigung, mit der jemand zu leben gelernt hat, desto mehr kann man lernen. Auf dem Tag der seltenen Erkrankungen ergibt sich zwischen Selbsthilfevertretern der unterschiedlichsten Krankheiten immer wieder diese Gelegenheit. Dabei stelle ich immer wieder fest, das so sehr die ständigen Schmerzen unser Leben beeinflussen müssen; Andere müssen mit wesentlich destruktiveren Krankheiten leben. Sind entstellt oder haben eine deutlich verkürzte Lebenserwartung. Uns tut „nur“ etwas weh und wir haben Angst ob wir unseren Job noch machen können. Es reinigt, wenn man sich mit Menschen unterhält, die nicht über einen GdB, sondern über eine Pflegestufe reden.

"Schmerz frisst Seele" an einem Strand auf Mallorca
„Schmerz frisst Seele“ an einem Strand auf Mallorca. Dank an Cordelia für das Bild.

Was sagt man da?

Ganz einfach, das man dem-, oder derjenigen hoffentlich wirklich wünscht:

Gute Tage!

Es ist so einfach, das ich mich wirklich frage, wieso ich da nicht schon längst drauf gekommen bin. Bin ich aber tatsächlich nicht.

Opfer dich – Studienteilnahme

Wenn du willst, das sich etwas ändert,
dann musst du etwas ändern.

Ja, denn das passiert nicht von allein. Aktuell führt das Pharmaunternehmen Eli Lilly weltweite Studien mit dem CGRP-Antagonisten LY2951742 zu Behandlung von Migräne und Clusterkopfschmerzen durch. Es ist meines Wissens nach das erste Mal, das ein potentieller Wirkstoff auch direkt für uns Clusterkopfschmerzpatienten erprobt wird. Wer will, kann bei der Weltpremiere noch dabei sein. Ausnahmsweise mal nicht darüber Jammern, das nicht geforscht wird, sondern mithelfen.
In Deutschland kann man in Hamburg, München, Königstein und Essen an der Studie teilnehmen. Und zwar in der Kopfschmerzambulanz des UKE, dem oberbayerischen Kopfschmerzzentrum, der Migräneklinik und dem westdeutschen Kopfschmerzzentrum.

Alle anderen Studienorte und einen Test, ob ihr für die Teilnahme an der Studie geeignet seit, findet ihr auf den Studienseiten von Eli Lilly:

http://www.lillytrialguide.com/EN/studies/headache & http://studyforclusterheadache.com/

Speziell für Episodiker habe ich noch einen Tipp: Wenn ihr euch zur Teilnahme entscheidet, dann klärt die Aufnahme am besten schon während der Remission und wartet damit nicht, bis die Episode beginnt. Dann ist der ganze Ablauf in Ruhe geklärt und ihr könnt quasi auf Abruf einsteigen, wenn es losgeht.

Mein Aua ist größer als deins

Ich bin inzwischen im 17ten Jahr meiner Clusterkarriere. Und die letzten 11 Jahre davon mal mehr und mal weniger in der Selbsthilfe aktiv.
Es gibt viele Dinge, mit denen ich persönlich durchaus gehadert habe. Nicht mit allen, aber immerhin vielen davon, konnte ich mich mittlerweile erträglich arrangieren.
Es gibt aber auch allgemeine Dinge, mit denen ich hadere. Darunter sind manche, mit denen ich mich sogar von Jahr zu Jahr immer weniger anfreunden kann.
Eines davon ist, das der Kopfschmerzpatient an sich gerne meckert, mosert und jammert. Das tut der Clusterpatient gern auch laut und rüpelhaft, der Migränepatient hingegen ist dabei viel leiser und subtiler. Das spiegelt nur die Art der Schmerzen wieder, die jeweils ertragen werden müssen. Der konkrete Punkt, der mich zu diesen Zeilen treibt, ist ein Hang zu Übertreibungen.
Dabei hänge ich mich einen Kommentar, den ich vor Monaten schon festgehalten habe. Die Quelle habe ich absichtlich vergessen.

„Ich habe einen Dauerkopfschmerz 24h/Tag (Intensität immer zwischen 7-9)“

Nein, hast du nicht.
Denn dann würdest du dich den ganzen Tag ohne Unterlass auf dem Boden winden. Du könntest diese Nachricht gar nicht schreiben. Das wäre, als würde man dir Beine und Arme scheibchenweise abschneiden. Das würdest du aber auch nur bis zum Knöchel mitkriegen, denn dann fällst du in Ohnmacht. Genau das kann uns hingegen passieren. Einen Schmerzzustand ganz nah an der Raserei kann man während einer (unbehandelten) Attacke für eine, zwei oder gar drei Stunden tatsächlich erfahren. Das ist schlimm genug, und muss nicht übertrieben werden. Das Ganze ist kein Wettbewerb. Es geht nicht darum schlimmere und längere Schmerzen zu haben. Jemand mit einer Attacke am Tag darf und sollte ebenso etwas dagegen tun, wie jemand mit fünf Attacken am Tag. Ob eine Episode einen Monat oder ein halbes Jahr dauert, ändert nichts daran, das man sie behandeln sollte. Die Strategien können dabei jedoch anders aussehen. Und genau deswegen ist es wichtig Schmerzdauer, -stärke, -verlauf und -empfinden so sachlich und genau wie möglich zu beschreiben. Es ist nicht hilfreich, das Ganze in einen Schwanzvergleich ausarten zu lassen.
Auch ist die Zahl der Attacken kein alleiniger Indikator für so etwas wie einen Grad der Betroffenheit. In meinem Kopfschmerztagebuch rechne ich schon länger Attackenzahl mal Attackendauer mal Schmerzstärke um so etwas wie eine Schmerzlast zu ermitteln und auszudrücken. Das ist aber – ganz klar – nur ein sehr grober „pi mal Daumen“-Wert, der sich keinesfalls ernsthaft mit der Schmerzlast eines anderen Betroffenen so vergleichen ließe. So das man einen von uns als Betroffeneren darstellen könnte.

Zum einen:
Mit vier Attacken pro Tag ist man nicht automatisch doppelt so schlecht dran, wie mit zweien. Es hängt logischerweise auch von Länge und Intensität ab. Dazu kommen ggf. Rest- bzw. Hintergrundschmerzen oder auch Auraähnliche Erscheinungen. Oder eben nicht. Einem Migräniker können vier Attacken im Monat das ganze Leben versauen, wenn Sie denn alle >72 Stunden dauern.
Dummerweise ist die Zahl der Attacken das einzige, das sich einfach erfassen und kommunizieren lässt. Möglicherweise scheint man sich daher gern darauf zu beschränken.

Zum anderen:
Darum geht es einfach nicht. Oder besser – Sollte es nicht gehen.
Wir sind nicht bei „Mir geht es schlechter als dir.“
Aber irgendwie scheint das entweder in der Natur des Menschen an sich, oder des Kopfschmerzpatienten im besonderen zu liegen. Zum Teil sicherlich darin begründet, das sein Leiden einfach nicht ernst genug genommen wird. Weder von seinem Umfeld, noch von ihm selber.
Das führt immer wieder zur Schilderung von astronomischen Attackenzahlen mit der man sich aber trotzdem zur Arbeit schleppt.
Leider sehe auch ich derzeit keinen wirklich gangbaren Weg das zu ändern.
Motivierende Berichte a la „Seht her, ich habe Clusterkopfschmerzen und mache trotzdem schöne Dinge.“ sehe ich nicht. Und das verstehe ich auch noch, denn es ist schwer sich etwas schönes auszudenken, wenn einem der Schädel brummt. Unplanbar dazu, so das man nie wirklich weiß, womit man umgehen muss.
Dabei wäre das dringend Notwendig. Denn bei vielen Menschen, die unter Kopfschmerz leiden, deren Leben wirklich dadurch eingeschränkt und beeinflusst ist, sehe ich überwiegend Verbitterung und Unzufriedenheit.
Schaue ich mir zum Beispiel die im ArteCluster-Projekt gesammelten Bilder an, so finden sich dort quasi nur Horrorbilder, welche puren Schmerz, Leid, Hilflosigkeit und Verzweiflung ausdrücken. Dafür habe ich auf der einen Seite Verständnis, denn in mir wohnte durchaus das Gleiche, und auch heute denke ich nach einer Nacht mit mehreren Unterbrechungen am Morgen nicht nur an Vögelgezwitscher und Blumenwiesen. Trotzdem ist mir inzwischen bewusst, das diese Visualisierungen der Schmerzen und des Leidens zwar wichtig und nötig sind, jedoch hoffe ich, das sich mit der Zeit auch kreative und motivierende Botschaften finden werden. Denn die ständige Wiederholung des Leids ist der Sache nicht nur zuträglich.

Wege zur Information

Oder: Wieso Facebook Segen und Fluch zugleich ist.

Wir leben in einer Zeit, in der es uns ein einziges Werkzeug leichter macht als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte an so ziemlich jede Information zu kommen.

Das Internet!

Leider scheinen wir auch in einer Zeit zu leben, in der viele diese Möglichkeiten nicht nutzen. Wobei ich nicht weiss, ob es ein nicht nutzen können oder wollen ist. Dort, wo sich generell die meisten Menschen online treffen, da treffen sich inzwischen natürlich auch die meisten Betroffenen.

Facebook!

Dort finden sich wohl zu so jedem Krankheitsbild die entsprechenden Gruppen. Diese sind mal die Online-Fraktion der klassischen Selbsthilfe, mal auf Initiative von Einzelpersonen gewachsen und manchmal auch ein „Ableger“ einer auf das Thema spezialisierten Klinik. Allen gemeinsam ist, das sich in jeder dieser Gruppen Menschen freiwillig die Arbeit gemacht haben, die wichtigsten Informationen und elementarsten Tipps zu sammeln. Ebenfalls allen gemeinsam ist, das sich kaum jemand die Mühe macht, diese ganz absichtlich bereitgestellten Informationen zu lesen.
Dies führt sehr oft zu einem der beiden Szenarios: Auf eine Frage wird nur mit einem Link auf das gesammelte und bereitgestellte (Basis-)Wissen geantwortet. Dabei scheint es nie jemandem aufzufallen, das man die entsprechende Information ziemlich einfach hätte selber finden können.
Stichwort: Let me google that for you
Im ungünstigeren Fall erhält der Fragende Nachts um drei eine unqualifizierte Antwort und es heisst später „Das stand so im Internet.“
Als zweites Szenario erlebt man recht oft, das die empfohlene Gruppensuche oder der Zugriff auf eine bei Facebook hinterlegte Datei mit dem Smartphone nicht funktioniert. Stichwort: „Ich bin mit dem Handy online.“
Lieber Informationssuchender: Wenn dir das ganze in irgendeiner Weise wichtig ist, dann setzt dich verdammt noch mal an einen normalen Computer.

Neben den sozialen Netzwerken ist gesammeltes und gesichertes Wissen seit geraumer Zeit natürlich auch in Buchform erhältlich. Im Laufe der Jahre haben viele Ärzte, die sich speziell mit dem Thema Kopfschmerzen beschäftigen Bücher dazu veröffentlicht. Ab Göbel, Gaul, Sacks, Diener oder Gendolla – In allen steht in etwa das gleiche. Trotzdem haben viele Betroffene die Dinge sagen wie „Ich weiss nicht mehr, was ich noch machen soll.“, kein einziges davon gelesen. Neben den Leitliniengerechten Büchern von Vertretern der evidenzbasierten Medizin gibt es leider auch noch eine Reihe anderer Bücher, deren Unseriösität man meist schon am Heilsversprechen erkennen kann. Kein primärer Kopfschmerz lässt sich derzeit heilen. Ebensowenig, wie man seinen Hauttyp ändern kann. Es gibt Menschen, die werden in der Sonne rot und andere braun.

Auf der einen Seite wird mehr Forschung gefordert und auf der anderen werden längst bekannten und erprobte Therapien gar nicht angewendet. Das ist ein Verwirrender und auf Dauer sehr ermüdender Gegensatz. Denn Gebetsmühlenartig wieder und wieder das gleiche zu erzählen bremst – zumindest bei mir – mehr und mehr den Enthusiasmus, mit dem ich mich in sozialen Netzwerken – speziell Facebook – einbringe.
Nun ist das ganze sicherlich kein spezielles Problem der Selbsthilfe und von sozialen Netzwerken, nur läuft es hier ungünstig zusammen. Wir haben oftmals verzweifelt Suchende auf der einen Seite und ehrenamtlich Antwortende auf der anderen Seite.
Schon in der Gründerzeit des Internets gab es den Netzjargon „RTFM“ – „Read the f*cking manual“ – „Lies das verdammte Handbuch“. Supportanfragen im Netz lassen sich heute oftmals nur noch stellen, nachdem man zwangsweise die vorgeschaltete FAQ durchsucht hat. Diese Verfahren sind sicherlich nicht aus Langeweile eingeführt worden.
Vermutlich kann ich nicht viel daran ändern, das die Welt sich dreht und der Mensch ist, wie er nun mal ist. Doch ich darf meine Missbilligung und Besorgnis darüber zum Ausdruck bringen.
Achtet auf die Quellen, versucht zuerst gesichertes Wissen zu finden, bevor ihr für jede Kleinigkeit eine Frage stellt und lest vorherige Kommentare, bevor ihr eine Frage beantwortet. Und beantwortet sie nur, wenn ihr etwas fundiertes und sinnvolles dazu beitragen könnt.

Fragen gesucht

Der CSG Landesverband NRW veranstaltet am 20. Februar in Bochum eine „Patienenschule“. Einer der Beiträge nennt sich „Web 2.0 meets Evidence“ und dient dazu, die häufigsten Fragen der Community aus der Sicht der evidenzbasierten Medizin zu beantworten.
Diese häufigen Fragen werden in einer Umfrage gesammelt. Tragt eure Fragen ein und/oder stimmt für die Frage(n), die euch am meisten unter den Nägeln brennen.

Die Beantwortung wird Frau Dr. Astrid Gendolla übernehmen. Dr. Philipp Stude wird über den Umgang mit medizinischen Informationen referieren und Prof. Dr. Tobias Schmidt-Wilcke stellt die ersten Ergebnisse der in Bochum durchgeführten Studie zur Korneamikroskopie vor.

Web 2.0 meets Evidence

Die richtige Diagnose?

Wenn du nicht gut versorgt bist. Keine für dich ausreichende und im schlimmsten Fall nicht einmal Leitliniengerechte Therapie bekommst. Wenn du Medikamente nicht in ausreichender Menge bekommst oder zumindest darum betteln musst.
Und das sieht man in der Selbsthilfe leider immer wieder. Patienten, die von ihrem Arzt Sumatriptan in Tablettenform und Sauerstoff per Nasenbrille verschrieben bekommen.
Wenn du du also auf eine solche oder ähnliche Art unzureichend Versorgt bist, dann ist die für mich einzig mögliche Erklärung, dass der behandelnde Arzt nur die Überschrift der Leitlinien gelesen hat. Oder gibt es die als Hörbuch, bei dem man etwas zu früh eingeschlafen ist?
Die logische Konsequenz ist – für mich zumindest: Ein Mediziner, der die richtige Therapie nicht kennt, dem kann ich nicht wirklich die richtige Diagnose zutrauen. Wer also das Pech hatte an einen solchen Arzt zu geraten, der sollte allein deswegen nochmals von vorn anfangen, seine Diagnose überprüfen lassen und dann strategisch nach der führ ihn richtigen Therapie suchen. Ja, suchen. Dabei bleib es. Niemand kann vorhersagen, welche der durchaus unterschiedlichen Optionen für einen selbst die beste Mischung aus Wirksamkeit und Verträglichkeit darstellt. Und strategisch meint nichts anderes, als das man mit der wahrscheinlichsten Therapie beginnt. Genau dafür und deswegen sind diese in den Leitlinien als 1., 2. und 3. Wahl gekennzeichnet.
Einen passenden Arzt zu finden ist inzwischen viel einfacher geworden als noch vor ein paar Jahren. Im Netz werden von Betroffenen wie auch von Ärzten selber entsprechende Listen gepflegt, die jede Suchmaschine mit den Begriffen „Clusterkopfschmerz“ und „Ärzteliste“ zügig auf den heimischen Bildschirm holt.
Es wäre freilich schön, wenn die Versorgungslage so gut wäre, das diese Eigeninitiative nicht nötig wäre. Bis es so weit ist, ist diese jedoch nötig.

Für die Migräne gilt im übrigen das gleiche, die Zahl der unzureichend versorgten und schlecht aufgeklärten Patienten ist erschreckend hoch. Auch hier könnten allein mit der Anwendung der vorhandenen Mittel und Methoden viele Stunden des Leidens verhindert werden.